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Gesamt­wirtschaftliche und branchen­bezogene Rahmen­bedingungen

In seinem World Economic Outlook vom 30. Januar 2023 geht der Internationale Währungsfonds (IWF) davon aus, dass die derzeitigen ökonomischen Veränderungen die Weltwirtschaft weiterhin auf breiter Front und stärker als erwartet bremsen werden. Die globale Inflation stieg im Geschäftsjahr 2022 weiter erheblich an und führte in vielen Regionen zu einer krisenhaften Erhöhung der Lebenshaltungskosten. Die Inflation wird ihren Höhepunkt den Prognosen nach Ende 2022 erreichen. Es wird jedoch auch erwartet, dass sie länger als ursprünglich prognostiziert auf erhöhtem Niveau bleibt. Grund sind die anhaltenden Versorgungsengpässe und die anziehenden Energie- und Nahrungsmittelpreise. Der Inflationsdruck führte neben einer erheblichen Aufwertung des US-Dollars zu einer Straffung der geld- und finanzpolitischen Rahmenbedingungen. Zusätzliche Herausforderungen für die Weltwirtschaft sind unter anderem die weitere Erholung der privaten Konsumausgaben und Investitionen in den Immobilienmarkt in China, der Klimawandel, der angespannte Arbeitsmarkt in vielen Ländern sowie geopolitische Spannungen. Letztere betreffen etwa den Krieg in der Ukraine, die Neuausrichtung der Energieversorgung und die jüngste Verschlechterung der Beziehungen zwischen China und den USA, die den internationalen Handel und die politische Zusammenarbeit bedrohen.

Den letzten Prognosen des IWF zufolge ging das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 6,2 % im Geschäftsjahr 2021 auf 3,4 % im Geschäftsjahr 2022 zurück. Die Eintrübung der Konjunktur betrifft viele Volkswirtschaften. Während die Wirtschaftsleistung der Industrienationen um 2,7 % wuchs (Vorjahr: 5,4 %), verzeichneten die Schwellen- und Entwicklungsländer ein Plus von 3,9 % (Vorjahr: 6,7 %). Das BIP der USA wuchs deutlich langsamer mit 2,0 % (Vorjahr: 5,9 %). Die Eurozone verzeichnete im Geschäftsjahr 2022 ein BIP-Wachstum von 3,5 % (Vorjahr: 5,3 %). Die Schwellenländer Asiens erzielten ein Wachstum von 4,3 % (Vorjahr: 7,4 %). Der stärkste Treiber war Indien mit 6,8 % (Vorjahr: 8,7 %). Das BIP-Wachstum von China verlangsamte sich auf 3,0 %, nachdem im Vorjahr mit einem Plus von 8,4 % zunächst eine Erholung von den Pandemiefolgen gelungen war. Als Teil der entwickelten Volkswirtschaften verzeichnete Japan ein BIP-Wachstum von 1,4 % (Vorjahr: 2,1 %).

Unser organisches Umsatzwachstum lag im Geschäftsjahr 2022 mit 6,4 % über den weltweiten Wachstumserwartungen des IWF. Es wurde von sämtlichen Regionen getragen. Den höchsten Anteil am konzernweiten Wachstum verzeichnete Europa mit einem Anteil von 42,3 %, gefolgt von Asien-Pazifik mit 24,2 %, Nordamerika mit 17,8 %, Lateinamerika mit 12,3 % und dem Mittleren Osten und Afrika mit 3,4 %.

Das Gesamtwachstum war primär durch den Unternehmensbereich Life Science getrieben, trotz des abflauenden Rückenwinds durch die Covid-19-Pandemie im Geschäftsjahr 2022. Healthcare und Electronics leisteten ebenfalls einen positiven Beitrag zum organischen Wachstum. Alle Unternehmensbereiche stützten das Wachstum in Europa und Lateinamerika. In der Region Asien-Pazifik ging das Wachstum primär auf die Aktivitäten der Unternehmensbereiche Healthcare und Life Science zurück, in der Region Nordamerika dagegen auf die Unternehmensbereiche Life Science und Electronics.

Entwicklung in 2022 und 2021

 

 

Entwicklung
2022
1

 

Entwicklung
2021

Life Science

 

 

 

 

Marktwachstum für Laborprodukte2

 

4,4 %

 

10,4 %

Globales Umsatzwachstum für biotechnologische Arzneimittel2

 

13,6 %

 

11,4 %

Umsatzanteil von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln am weltweiten Pharmamarkt3

 

34,6 %

 

33,1 %

Pipelinewachstum für frühklinische monoklonale Antikörper (mAb)4

 

7,7 %

 

12,6 %

 

 

 

 

 

Healthcare

 

 

 

 

Globaler Pharmamarkt

 

6,7 %

 

8,9 %

Markt für Multiple-Sklerose-Therapeutika5

 

2,0 %

 

-3,4 %

Markt für Diabetes-Typ-II-Therapeutika5

 

18,3 %

 

10,8 %

Markt für die Behandlung von Unfruchtbarkeit5

 

4,9 %

 

28,7 %

Markt für die Behandlung des Kolorektalkarzinoms6

 

-1,2 %

 

-16,4 %

 

 

 

 

 

Electronics

 

 

 

 

Wachstum der Wafer-Fläche für Halbleiterchips

 

4,9 %

 

14,1 %

Wachstum der Fläche von Flüssigkristalldisplays7

 

-4,5 %

 

4,3 %

Globaler Absatz von Kosmetik- und Pflegeprodukten

 

15,8 %

 

4,6 %

Globale Anzahl an Produktion von PKW

 

6,4 %

 

3,0 %

1

Voraussichtliche Entwicklung. Zum Zeitpunkt der Aufstellung des Berichts lagen nicht zu allen Industrien finale Entwicklungsdaten für das Jahr 2022 vor.

2

Global Market for laboratory products, Dezember 2022, Frost & Sullivan. Verlangsamung des Wachstums im Vergleich zu dem Jahr 2021 aufgrund rückläufiger Umsätze bei Covid-19-bezogenen Life Science Produkten trotz starkem Wachstum im Kerngeschäft.

3

Ausgaben auf dem globalen Pharmamarkt basierend zu einem konstanten Wechselkurs. IQVIA-Marktdaten basierend auf den Werten der letzten 12 Monate zum 3. Quartal 2022.

4

Anzahl an Programmen in Phase I oder Phase II Studien, Cortellis.

5

Wachstumsraten basieren auf Marktdaten in lokalen Währungen, umgerechnet zu einem konstanten EUR Wechselkurs. Den Marktdaten von IQVIA zum Wachstum der Indikationen liegen aktuelle Zahlen inklusive drittem Quartal 2022 zugrunde. Jährliches Wachstum basierend auf letzten zwölf Monatswerten. Markt für Diabetes-Typ-II ohne USA, da von untergeordneter Bedeutung für Merck.

6

Wachstumsraten basieren auf US-Dollar-Marktdaten. Marktdaten von EvaluatePharma zum Wachstum der Indikationen basieren auf veröffentlichten Unternehmensberichten und unterliegen Wechselkursschwankungen.

7

Wachstum der Displayflächen ist ein reiner Volumenindikator, dem eine negative Preisdynamik entgegensteht.

Life Science

Unser Unternehmensbereich Life Science ist ein führender und weltweit agierender Anbieter von Produkten, Instrumenten und Dienstleistungen für Forschungslabore, Pharma- und Biotech-Produktion sowie für Industrie- und Prüflabore. Obwohl Impfstoffproduktion sowie Behandlungen und Tests in Zusammenhang mit Covid-19 ihren Höhepunkt hinter sich haben, sorgt das zugrunde liegende robuste Wachstum des Kernmarkts (ohne Covid-19-Anwendungen) für einen anhaltend starken Ausblick.

Laut dem Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan wuchs der Markt für Laborprodukte, der für unsere Geschäftseinheit Science & Lab Solutions relevant ist, im Geschäftsjahr 2022 um 4,4 % (Vorjahr: 10,4 %). Angesichts einer starken Nachfrage im Kerngeschäft ist längerfristig mit einem Marktwachstum im mittleren einstelligen Bereich zu rechnen, obwohl die zuvor stark unterstützende Nachfrage nach Covid-19 Produkten mittlerweile rückläufig erwartet wird.

Die Nachfrage auf dem Pharma- und Biotech-Herstellungsmarkt, auf dem unsere Geschäftseinheiten Process Solutions und Life Science Services tätig sind, wird durch die Entwicklung und Produktion von Therapeutika und Impfstoffen getrieben. Nach Angaben von IQVIA wuchs der Endmarkt für Biopharmazeutika im Geschäftsjahr 2022 um 14,3 % (Vorjahr: 12,0 %) und erreichte 452 Mrd. € (entspricht 35,4 % des weltweiten Pharmamarkts). Monoklonale Antikörper (mAbs), der zurzeit führende biopharmazeutische Bereich, setzte seinen Wachstumskurs im Geschäftsjahr 2022 erfolgreich fort. Die Zahl der Moleküle in Entwicklungsphase I oder II erhöhte sich um 7,7 % (Vorjahr: 12,6 %). Diese Verlangsamung des Wachstums im Vorjahresvergleich ist eine Normalisierung gegenüber den pandemiebedingten Höhepunkten des Phase I/II-Pipelinewachstums bei mAbs, viralen Gentherapien und anderen rekombinanten Proteinen. Das Wachstum im Vorjahresvergleich bleibt bei mAbs in der Frühphase der klinischen Pipeline etwa auf dem Vor-Pandemie-Niveau (durchschnittliches Wachstum von 8,8 % zwischen 2018 und 2020).

Healthcare

Das auf den Pharmamarkt spezialisierte Marktforschungsunternehmen IQVIA prognostiziert in seiner jüngsten Studie aus dem September ein Gesamtwachstum des globalen Pharmamarktes von 6,7 % für das Geschäftsjahr 2022 (Vorjahr: 8,9 %). Trotz der anhaltenden Erholung von der Covid-19-Pandemie wird der Pharmamarkt den Erwartungen nach weiter ein hohes Wachstum erzielen, da er global von beschleunigten Zulassungsverfahren und besserem Zugang zu innovativen Arzneimitteln profitiert. Ein Gegengewicht hierzu bilden die zunehmenden Maßnahmen zur Kosteneindämmung. Diese erhöhen den Bedarf auf Biosimilars und Generika zurückzugreifen und führen zu strengeren Preiskontrollen und Verschreibungspflichten.

Die Entwicklungen auf regionaler Ebene folgen dem beschriebenen Trend. Die Region EMEA (Europa, Mittlerer Osten und Afrika) wuchs im Geschäftsjahr 2022 um 7,5 % (Vorjahr: 7,7 %), die EU5 um 7,3 % (Vorjahr: 8,2 %). Die Region Nordamerika und die USA erreichten identische Wachstumsraten von 7,0 % (Vorjahr: 7,8 %). Absolut gesehen bleibt der Pharmamarkt in den USA der mit Abstand größte und wichtigste Markt. Lateinamerika erreichte ein zweistelliges Wachstum von 16,5 % (Vorjahr: 24,9 %), gefolgt von der Region Asien-Pazifik (ohne China und Japan) mit 8,6 % (Vorjahr: 11,4 %). Eine Ausnahme bildet China, für das im Geschäftsjahr 2022 ein Rückgang von -1,8 % erwartet wird (Vorjahr: 7,6 %). Dies erklärt sich durch Covid-19-bedingte regionale und lokale Lockdowns und die fortgesetzte Ausweitung der Preisregulierung (zum Beispiel Volume-based-Procurement), trotz Verbesserungen beim Zugang zu innovativen Produkten und Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur.

Relevant für unser Geschäft ist nicht nur das Wachstum des Pharmamarkts insgesamt, sondern auch die Marktentwicklung für biotechnologisch produzierte Wirkstoffe. Wie bereits beschrieben, betrug das Marktvolumen für biotechnologische Pharmazeutika im Geschäftsjahr 2022 gemäß IQVIA circa 452 Mrd. € (Vorjahr: circa 396 Mrd. €) und führte damit den Trend eines kontinuierlichen steigenden Marktanteils der letzten Jahre fort. Der Anteil dieser Produkte am globalen Pharmamarkt belief sich 2022 auf 35,4 % (Vorjahr: 33,6 %). Der wichtigste Markt für biotechnologische Pharmazeutika bleibt dabei die USA mit einem Anteil von 63,2 % am globalen Marktvolumen von Biopharmazeutika.

Die Entwicklungen in den für uns relevanten Therapiegebieten sind im Berichtsjahr gekennzeichnet durch unterschiedliche Entwicklungstendenzen. Der globale Markt für das Therapiegebiet Typ-2-Diabetes ohne die USA und Russland folgte dem Wachstumstrend der Vorjahre und erreichte im Geschäftsjahr 2022 ein beschleunigtes Wachstum von 18,3 % (Vorjahr: 10,8 %). Das Therapiegebiet Unfruchtbarkeit legte im Berichtsjahr um 4,9 % zu (Vorjahr: 28,7 %), nachdem 2021 eine ausgeprägte Erholung von der Pandemie mit teilweisen Klinikschließungen stattgefunden hatte. Das Therapiegebiet Kolorektalkarzinome verzeichnete im Geschäftsjahr 2022 wegen der Marktdurchdringung von Biosimilars einen weiteren Rückgang von -1,2 % (Vorjahr: -16,4 %). Der Wachstumstrend des Markts für das Therapiegebiet Multiple Sklerose verbesserte sich gegenüber dem Vorjahr mit einem Ergebnis von 2,0 % (Vorjahr: -3,4 %), da neue Produkteinführungen und der Wettbewerb durch Generika ausgeglichen werden konnten.

Electronics

Die Halbleiterindustrie ist der wichtigste Absatzmarkt für unser Geschäft mit Materialien, Lösungen und Dienstleistungen für die Herstellung integrierter Schaltkreise (Semiconductor Solutions). Insbesondere ist festzuhalten, dass das Nachfragewachstum bei Halbleitermaterialien primär von der produzierten Fläche sogenannter Halbleiter-Wafer abhängt. Die dafür als Ausgangsmaterial erforderlichen Silizium-Wafer werden als Indikator dafür herangezogen, die Gesamtnachfrage nach Halbleitermaterialien abzuschätzen. Laut der globalen Industrievereinigung SEMI stieg die Fläche an ausgelieferten Silizium-Wafern im Geschäftsjahr 2022 um 4,9 %, nach einem starken Wachstum im Vorjahr (14,1 %). Während sich die Nachfrage nach Elektronikgeräten im Nachgang zum pandemiebedingten Investitions- und Upgrade-Zyklus in den Geschäftsjahren 2020 und 2021 normalisiert, setzt sich der Digitalisierungstrend mitsamt seinen Auswirkungen auf die benötigte digitale Infrastruktur (Netzwerke, Server, 5G) fort. Halbleiter sind ein zentraler Bestandteil zahlreicher Anwendungen, etwa in den Bereichen Kommunikation, Unterhaltungselektronik, Automobile, Transport, saubere Energien, Luft- und Raumfahrt und Verteidigung.

Die erwähnte Beschleunigung der Digitalisierung und das entsprechende Wachstum des Datenvolumens führen dazu, dass es auf den relevanten Endmärkten für alle Geräte einen anhaltenden Bedarf an Halbleitern gibt. Die große Nachfrage nach Halbleitern und ihre Bedeutung zeigen sich deutlich durch den erst langsam nachlassenden globalen Chip-Engpass und ihre hohe geopolitische Relevanz. Daher erweiterten und beschleunigten alle großen Chiphersteller ihrerseits die geplanten Investitionen in neue Werke und zusätzliche Kapazitäten. In Kombination mit den kontinuierlichen technologischen Verbesserungen werden diese Investitionen die Nachfrage nach innovativen Materialien steigern. Unser Zielmarkt für Halbleitermaterialien wird den Erwartungen nach langfristig stark wachsen, mit einer gewissen Abhängigkeit von Konjunkturzyklen.

Mit unserem Flüssigkristallgeschäft sind wir ein führender Hersteller von Flüssigkristallmischungen für die Displayindustrie. Nach dem coronabedingten „Lockdown-Boom“ erlebt die Displayindustrie eine Normalisierung der Nachfrage. Das Marktforschungsunternehmen OMDIA sagte in seiner Prognose aus dem 3. Quartal 2022 einen Marktrückgang für das Geschäftsjahr 2022 voraus. Flüssigkristalle werden auch mittel- bis langfristig eine Schlüsselrolle in der Displayindustrie spielen. Die OLED-Technologie, für die wir ebenfalls zu den führenden Materiallieferanten zählen, gewinnt in den hochwertigen Displaybereichen zunehmend an Relevanz.

Die Märkte für Autolacke und Kosmetika sind für unser Surface-Solutions-Geschäft von entscheidender Bedeutung. Laut LMC, einem führenden globalen Anbieter für Vorhersagen des Automobilmarkts, stieg die weltweite Automobilproduktion im Geschäftsjahr 2022 um 6,4 %, nachdem sie im Vorjahr ein Wachstum von 3,0 % und im Geschäftsjahr 2020 einen scharfen Rückgang verzeichnet hatte. Es wird erwartet, dass der Markt sein Wachstum im Geschäftsjahr 2023 mit 4,8 % fortsetzt und 2024 wieder sein Produktionsvolumen von 2019 erreicht. Als zugrunde liegende Treiber sind hier die pandemiebedingt weiterhin ungedeckte globale Nachfrage und der Rückgang der Lieferengpässe der vergangenen Jahre zu nennen. Dabei bleibt China einer der wichtigsten Märkte. Der Markt für Kosmetik- und Pflegeprodukte erreichte nach einem Einbruch im Geschäftsjahr 2020 ein fortgesetztes und äußerst starkes Wachstum von insgesamt 15,8 % im Geschäftsjahr 2022 (Vorjahr: 4,6 %). Euromonitor, ein global führendes Marktforschungsunternehmen, erwartet nach den negativen Folgen von Covid-19 (Lockdowns, Abstandsregeln) und dem verschärften Handelskonflikt zwischen den USA und China im vergangenen Jahr, dass das Marktwachstum bis 2026 nachhaltig bei etwa 4–6 % pro Jahr liegen wird.

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